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Carson 208fec08b6 feat: add blog post – vollautomatisierter KI-Bewerbungsagent
Neuer Blogpost auf DE und EN über den KI-gestützten Bewerbungsagenten
(Carson/NanoClaw). Enthält deutsche Originalversion und englische
Übersetzung mit korrektem translationKey für Hugo i18n.

Co-Authored-By: Carson <carson@markusgraf.ch>
2026-03-13 12:55:43 +01:00

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title: "Ein vollautomatisierter KI-Bewerbungsagent"
date: 2026-03-13
description: "Ich habe einen KI-Agenten gebaut, der mir Stellen sucht, Bewerbungsunterlagen erstellt und die Arbeitsbemühungen beim RAV einträgt fast autonom. Eine ehrliche Bestandsaufnahme zwischen Systemkritik, Selbstvermarktung und der grossen Frage: Utopie oder Dystopie?"
translationKey: "ki-bewerbungsagent-post"
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Um ehrlich zu sein: So ganz wohl ist mir bei der Sache nicht. Ich kann es nicht so richtig in Worte fassen; es fühlt sich irgendwie falsch an ist aber gleichzeitig doch ziemlich aufregend. Nein, es geht hier nicht ums Fremdgehen, dafür bin ich zu ehrlich. Es geht um den KI-gestützten Bewerbungsprozess. Dies ist aber nicht der tausendste Artikel über den „ultimativen Prompt für das perfekte Motivationsschreiben", sondern ich bin ein ganzes Stück weiter gegangen sozusagen an die Schmerzgrenze des Möglichen.
Ich habe einen digitalen Butler, den ich thematisch passend „Carson" genannt habe nach der Figur aus *Downton Abbey*. Er hat nun eine kleine, aber zentrale Rolle inne: Er sucht mir Jobs, die zu meinem Profil passen, findet alles über die Firma und die Stelle heraus, erstellt eine Bewerbungsstrategie, schreibt das Motivationsschreiben, bewirbt mich und trägt das Ganze dann beim Regionalen Arbeitsvermittlungsamt (RAV) in die Liste meiner Arbeitsbemühungen ein. Ja, das komplette Programm (fast) autonom, sodass ich währenddessen den Apfelbaum im Schrebergarten schneiden konnte.
## Wie aus Neugier Ernst wurde
Warum habe ich das eigentlich getan? Die simple Antwort ist: Weil ich es kann. Ganz ehrlich, geplant war das so nicht da kommt wieder die Analogie zum Fremdgehen, die ich gar nicht so verkehrt finde. Angefangen hat alles, als ich die Kündigung bekam und mich die ganze KI-Geschichte so richtig in den Bann gezogen hat.
Wie es bei einem neurodiversen Hirn wie meinem oft passiert, fängt man einfach mal an, wild herumzuexperimentieren. Das Faszinierende an KI ist: Selbst wenn man sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen kann, dass etwas funktionieren könnte, macht man es einfach und stellt fest: Hoppla, das klappt ja tatsächlich! Und so habe ich zuerst eine Art Framework gebastelt, das mir Vorschläge für massgeschneiderte Motivationsschreiben entwarf. Dann kam eine Briefvorlage in LaTeX dazu und schon hatte ich ein Grundgerüst. Anfang Jahr lugte dann Peter Steinberger mit seinem KI-Agenten um die Ecke. Ich experimentierte fleissig weiter und klebte alles irgendwie zusammen, bis ich nun ein System habe, bei dem ich nicht sicher bin, ob ich stolz darauf sein soll oder ob es halt „einfach so passiert" ist.
## Ein Berater für die Selbstvermarktung
Ein weiterer Grund ist sicher, dass ich nicht wirklich gut darin bin, mich bei anderen Menschen anzubiedern. Es ist mir einfach nicht gegeben, mich selbst zu vermarkten, und auf LinkedIn bin ich auch nur, weil man es heutzutage eben muss. Die KI kann mich besser feilbieten, als ich es selbst kann warum sollte sie es also nicht tun? Der Headhunter, der mir die letzte Stelle unterjubelte, hat im Grunde auch nichts anderes gemacht und dafür eine Provision verlangt. Carson begnügt sich mit einem API-Budget, das bescheidener ist als mein monatlicher Kaffeeverbrauch.
## Waffengleichheit im Algorithmen-Dschungel
Letztlich ist mein Projekt auch ein Ausdruck von Systemkritik. Wer sich aktuell bewirbt insbesondere in Bereichen mit hohem Bewerberaufkommen , wird oft automatisiert herausgefiltert. Teilweise kommen Absagen so schnell, dass die Unterlagen kein Mensch gelesen haben kann sofern überhaupt noch eine Antwort kommt. Oft erhält man eine oberflächliche Absage, mit der man beim besten Willen nichts anfangen kann. Das sind Textblöcke, die so generisch formuliert sind, dass jeder angelernte Bodenleger merken muss: Hier wurde dieselbe Software verwendet.
Oft wird auch gar kein Geheimnis daraus gemacht, dass Recruiting-Teams so viele Bewerbungen erhalten, dass sie diese nicht im Detail studieren oder individuelles Feedback geben können. Das ist einerseits verständlich. Wenn man mittlerweile auf LinkedIn und Co. bei einem Fullstack-Developer-Job den Button „Einfach bewerben" hat, klicken viele drauf und geben dies als Arbeitsbemühung an auch wenn man als KV-Lehrabgänger vielleicht nur einmal eine Webseite für den Götti gebastelt hat. Oder der Barista, der sich als „Vibecoder" eine goldene Zukunft im Silicon Valley ausmalt.
Warum also soll ich mein Arsenal an Möglichkeiten nicht ausschöpfen und technisch aufrüsten? Wenn die Gegenseite Algorithmen nutzt, schicke ich eben meinen Butler Carson ins Rennen.
## Ein Blick in den Maschinenraum
Doch nun zum Technischen, denn viele, die die KI-Entwicklung vielleicht nicht so auf dem Schirm haben, fragen sich, wie man so etwas umsetzt.
Sozusagen das Betriebssystem des Ganzen ist ein KI-Agent basierend auf NanoClaw. Ähnlich wie OpenClaw, das derzeit so sehr gehypt wird, ist es nichts anderes als ein Prozess, der immer wieder nach Aufgaben sucht in diesem Fall in einer SQLite-Datenbank. Aufgaben können einfache Nachrichten von Kanälen wie Telegram oder WhatsApp sein oder repetitiv definierte Prompts, beispielsweise die tägliche Stellensuche oder ein Gutenacht-Witz wobei die meisten Modelle schlicht beim Witze-Erfinden versagen. Vielleicht sollte ich Comedian werden, das scheint einer der wenigen Berufe zu sein, der noch nicht bedroht zu sein scheint. Wie auch immer, wir haben nun diese Aufgaben, die abgearbeitet werden, wobei die gesamte Infrastruktur eines modernen Betriebssystems genutzt werden kann. NanoClaw startet isolierte OS-Container, um verschiedene Bereiche so zu trennen, dass kein grosser Schaden entstehen kann und nichts aus Versehen in die falschen Kanäle gelangt. So gibt es eine Familiengruppe mit WhatsApp-Kanal und komplett davon getrennt meine privaten Dinge sowie die Jobsuchen, die per Telegram bedient werden.
Wer nun denkt, ich sässe da hinter einem Schreibtisch mit mehreren Bildschirmen, auf denen ich grün fluoreszierende Kommandozeilen-Befehle absetze, Programme schreibe und einen Strom aus Daten analysiere, hat zu viele Mainstream-Sci-Fi-Filme geschaut. Ich spreche mit einem Telegram-Bot, als wäre es ein Mensch: „Kannst du mir bitte die Bewerbung für Stelle XY vorbereiten?", „Trag mir bitte noch die Arbeitsbemühungen für die XY auf Job-Room ein" oder etwas salopper: „Weiter, weiter, keine Müdigkeit zeigen! Ich hole gleich mein Smartphone, um den QR-Code zu scannen." Das sind reale Nachrichten, die ich aus der History entnommen habe. Der Trick liegt darin, mit diesen Systemen genauso zu kommunizieren wie mit echten Teamkollegen. Man gewöhnt sich schnell daran. Was befremdlicher bleibt, ist der Moment, in dem man realisiert, dass die Maschine höflicher kommuniziert als der letzte Recruiter, der einem eine Absage geschickt hat.
Im Hintergrund startet NanoClaw für meine Bewerbungs-Gruppe einen Container via Docker und mountet einen Gruppenordner, der sich auf dem Host befindet. Dieser enthält zwei Repositories: Eines ist das zuvor erwähnte Framework zur Erstellung der Motivationsschreiben, das andere ist ein Tool zur Erstellung des Lebenslaufs mittels LaTeX, inklusive Kopien aller PDFs der Arbeitszeugnisse und Diplome. Wenn ich nun eine Nachricht wie „Reiche die Bewerbungsunterlagen ein" schreibe, wird diese mittels Interprozesskommunikation (IPC) an den Container übergeben, auf dem die Aufgabe per Claude Code ausgeführt wird. Ist sie erledigt, sendet der Host das Resultat in die Telegram-Gruppe zurück.
Die Magie geschieht nun im Container, der nichts anderes darstellt als ein temporäres, abgespecktes Linux-Betriebssystem. Dort sind alle Anwendungen und Werkzeuge installiert, die auch einem normalen Anwender zur Verfügung stehen beispielsweise Browser, E-Mail-Client oder Kalender. Claude Code kann diese bis zu einem gewissen Grad bedienen. Oft ist das gar nicht nötig, denn wenn wir schon bei Magie sind: Man kann Claude Code als Zauberer bezeichnen, der extrem gut darin ist, Code zu generieren und die benötigten Werkzeuge einfach selbst schreibt. Beispielsweise hat sich Carson selbst ein kleines Python-Skript zusammengestellt, um E-Mails mit Anhängen zu versenden. Ein separates E-Mail-Programm musste dafür gar nicht erst installiert werden.
## Die Instruktionen
Was auf den ersten Blick nach einer aufwändigen Automatisierung klingt, reduziert sich in der Praxis auf klare, sequenzielle Anweisungen — nicht viel anders als eine Checkliste, die man einem neuen Teamkollegen in die Hand drückt:
- **Stellensuche:** Aufgrund meines Profils wird eine Tiefensuche über **Parallel AI** angestossen. Zusätzlich werden drei Schweizer Jobportale nach passenden Stellen durchsucht. Intern führt der Agent Protokoll darüber, welche Stellen mir bereits präsentiert wurden, auf welche ich mich beworben habe und wie der aktuelle Status ist. Neue Stellen werden mir täglich priorisiert vorgeschlagen.
- **Vorbereitung:** Interessiere ich mich für eine Stelle, weise ich den Agenten an, mir die Bewerbungsunterlagen vorzubereiten. Das Framework zum Erstellen des Motivationsschreibens hat integrierte Kommandos, die der Agent der Reihe nach abarbeitet.
- **Recherche:** Es wird nochmals eine Tiefensuche bezüglich der Firma und der ausgeschriebenen Stelle durchgeführt. Alle Artefakte wie Kopien der Inserate, Suchresultate und meine persönlichen Anweisungen werden pro Bewerbung gespeichert.
- **Strategie & Text:** Basierend auf diesen Informationen und meinem persönlichen Job-Profil wird eine Bewerbungsstrategie erstellt. Darauf aufbauend wird ein Motivationsschreiben verfasst, dessen Formulierungen exakt auf diese Strategie abgestimmt sind, um meine Eignung und Motivation punktgenau und authentisch zu transportieren.
- **Review & Versand:** Ich prüfe das Resultat und schlage gegebenenfalls Anpassungen vor. Wenn alles passt, lasse ich die Bewerbung einreichen. Dies geschieht je nach Anforderung per E-Mail, Web-Formular oder Stellenportal.
- **Nachweis der Arbeitsbemühungen:** Beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) loggt sich der Agent per Browser ein und erfasst die Arbeitsbemühungen auf Job-Room. Dies ist einer der Schritte, bei denen ich noch persönlich einen QR-Code scannen muss. Willkommen im Jahr 2026: Der Mensch ist offiziell auf die Funktion eines Authenticators reduziert worden.
Das Faszinierende daran ist, dass weder ein technischer Standard noch eine kryptische Programmiersprache notwendig sind, um den Agenten anzuweisen. Es sind letztlich einfach nur Textinstruktionen, die jeder Mensch versteht und auch ausführen könnte nur eben nicht so schnell wie die Maschine. Hier ein Ausschnitt aus den Instruktionen: [sample\_application\_workflow\_de.md](https://codeberg.org/gurix/gists/src/branch/main/sample_application_workflow_de.md)
## Utopie, Dystopie oder schlicht die neue Realität?
Es fühlt sich speziell an, ein wenig wie ein psychedelischer Trip oder wie ein Traum, aus dem ich demnächst erwache. Ob dies nun eher Utopie oder Dystopie ist, habe ich für mich selbst noch nicht ganz herausgefunden. Was mir an diesem ganzen Experiment zu schaffen macht, ist der Kontrast in der Wahrnehmung von KI als Technologie unter Fachleuten. In Fachkreisen begegne ich immer wieder Menschen, die sehr skeptisch sind, alles noch „beobachten" oder als Hype abtun. Ach, wie gerne würde ich in diesen Gesang einstimmen! Ich versuche ja wirklich immer wieder, das Ganze zu hinterfragen. Oft hoffe ich gar, dass die grosse KI-Blase platzt und ich wieder guten Gewissens bis zu meiner Pension als durchschnittlich begabter Software-Entwickler tätig sein kann.
Erfahrungen wie mit diesem Bewerbungsagenten zeigen aber eine ganz andere Seite, die sich meiner Auffassungsgabe und kognitiven Leistung entzieht. Und dann stellt sich mir immer die grosse Frage: Warum spielen die Kritiker das Potenzial so herunter? Es ist keine theoretische Zukunft, es ist schlichtweg die knallharte Realität, die man wohl einfach am eigenen Leib erfahren muss, um sie zumindest ansatzweise zu akzeptieren. Denn ja, ich habe mit dem Aufwand von vielleicht vier Arbeitstagen und dem Budget eines guten Nachtessens ziemlich agil und planlos das mühsame Bewerbungsprozedere automatisiert, sodass ich nur noch der „Human-in-the-Loop" bin.
> Ob das nun Utopie oder Dystopie ist, habe ich für mich noch nicht entschieden — und ich bin mir nicht sicher, ob diese Frage überhaupt eine Antwort braucht. Was ich weiss: Es funktioniert. Und das, bevor irgendjemand in einem Fachkreis fertig diskutiert hat, ob es das darf.
>
> Carson hat derweil keine Meinung dazu. Gute Butler haben das nicht.